Georgi Tenev
 Das Theater muß gehaßt werden!

 

 

Ein junger bulgarischer Regisseur (der übrigens in den letzten Jahren einen großen Erfolg hat) meinte einmal: „Wenn ich um neun Uhr morgens aufwache und zur Probe muß, verabscheue ich das Theater. Wenn ich dann auf der Bühne bin und die Probe um zehn beginnt, verabscheue und hasse ich das Theater immer noch. Dieses Gefühl macht mir bis um die Mittagszeit zu schaffen. Erst später gelingt es mir zu arbeiten, ohne daran zu denken, wie sehr ich das Theater hasse. Wenn ich um zehn abends fertig bin, ist mein Haß zum Theater nicht mehr zu halten.“

Diesen Zustand der unmöglichen Haßliebe zum Theatermachen empfinde ich immer stärker als bemerkenswert. Als ich selbst an der Theaterhochschule studierte, stürzte ich mich - kopflos und unverschämt, wie mir heute scheint - in Experimente und Abenteuer, von denen die meisten schier fruchtlos und naiv, dafür aber kopflos frei und an sich optimistisch waren. Nun darf ich an derselben Theaterhochschule unterrichten und bin von der mangelnden Abenteuerlust meiner Studenten oft geschockt. Sie scheinen schon im vorhinein den Preis des Risikos zu kennen und versuchen es gar nicht erst zu riskieren. Ich möchte nicht glauben, daß sie um diesen schmerzhaften Zyklus herumkommen werden, in dem eine schöpferische Vision dermaßen frei und unbegrenzt ist, daß sie von den Grenzen des Bühnenkontextes unerbittlich überlistet und als unmöglich bloßgestellt wird. Denn sollte das der Fall sein, würde die Erotik der Regieintention niemals die Tiefen der Krise erreichen, die aus Liebe und Verlangen Haß erzeugen und jene Haßliebe ins Leben rufen, die einen in ihren Fesseln hält.

Der Kontext und die Konvention sind stets bestrebt, uns an das Festland der Virtualität zu spülen. Sie lauern uns auf, während wir auf hoher See umherirren und überschütten uns mit Argumenten: Keiner würde uns verstehen können (weil wir ja so abwegig seien); wir könnten uns nicht verkaufen (weil es ja fr unsere Kunst keinen Markt im eigentlichen Sinne des Wortes gäbe); wir könnten uns nicht richtig entwickeln (weil wir nicht über die Zeit bestimmen). Wenn derartige Argumente unseren Kompaß verwirren, können wir allzu leicht im seichten Gewässer des Schein-Theatermachens auf Grund laufen. Dem Schein-Theater - dem Theater also, das nicht stattgefunden hat und nie scheitern konnte - wohnt nämlich eine ständige Auflehnung gegen den Kontext inne, ihm fehlt jedoch jene kreative Unzufriedenheit, die die merkwürdige Situation des erwähnten jungen Regisseurs hervorruft und ihn seine Inszenierungen mit Haßliebe zum Theater und Ungeduld machen läßt.

 

Eine Aufnahme aus der Sammlung meiner Foto-Träume

 

Das ist wohl nicht die Trauminszenirung, es ist nicht einmal die Traumprobe. Es kann ruhig irgendeine Handlung oder ein Handeln, ein Machen oder bloß der Ort des Machens sein. Doch ich wünsche mir, Gast in einem Theater zu sein, das alles andere ist als das Theater, das ich kenne. Schon allein eine Geste, ein Bild oder ein Ton - etwas, das zwar Theater ist, wovon ich aber nie geahnt habe, daß es Theater sein kann - würde mich zum enthusiastischsten Zuschauer machen. Im Zeichen dieser Erwartung steht auch meine Arbeit mit den Regiestudenten. Ich gebe es zu: eigentlich bin ich ein von Erwartung gequälter Zuschauer, der sich mit dem einzigen Ziel, Karten für die erste Reihe zu bekommen, als Lehrer oder Dramaturg getarnt hat.

Ich glaube daran, daß ein wahrer Träumer in seinen Traum verliebt sein und zugleich dessen Unmöglichkeit hassen kann.