
Die
Insel
Georgi Tenev
( I. – IX. )
I. Er, Sie und Sie2 auf der Insel.
SIE
Ich möchte kundgeben, daß wir allein geblieben sind. Das Schiff ist, wie man so sagt, untergegangen. Es ist dringend erforderlich, daß Sie einige Dinge verstehen und begreifen. Jetzt werden Sie nicht mehr drumherumkommen und Ihr Organ behüten können. Ich weiß nicht, warum Sie es früher so sehr geschont haben, aber ich bin sicher, daß Sie eine Rechtfertigung dafür gefunden hatten. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Rechtfertigungen jeder Art sind lächerlich. Ihre große Ausrede besteht vermutlich darin, daß das Organ Ihnen gehört, daß Sie selbst das Organ sind. Daß Sie also im Falle einer Entblößung Ihres Organs sich selbst einem Risiko aussetzen werden. Ja, es ist nicht ein Teil von Ihnen, es ist Sie selbst. Jetzt existieren solche Rechtfertigungen nicht mehr. Das Organ sind wir. Das Schiff ist gesunken. Gesunken ist die Zivilisation, und Sie müssen sie durch Ihr Organ wiederbeleben.
II. Sie, Sie2 liegen nackt vor ihm.
SIE
Sie haben das Recht zu wählen. Sie können zuerst mich auswählen und dann sie oder umgekehrt. Ihre Wahl wird sich in unseren künftigen gemeinsamen Genen als erste natürliche Auslese der neuen Zivilisation einprägen. Hoffentlich wird sie die chinesische Küche beibehalten. Ich kann mir die Welt nicht ohne paniertes Gemüse vorstellen.
III. Sie, Sie2 putzen seine Reitstiefel.
SIE
Denk nach. Es gibt nichts mehr, wohin du gehen könntest. Die Insel ist rund. Glaub mir, die Insel ist psychisch ganz rund. Deine Reitstiefel sind jetzt richtig lächerlich. Jetzt sind sie einfach lächerlich geworden. Gefallen dir seine Reitstiefel?
SIE2
Solange wir auf dem Schiff waren, wunderte ich mich, wozu er Reitstiefel braucht.
SIE
In der Messe.
SIE2
Machen wir doch einen Spaziergang ans Ufer, wenn Sie Lust haben. Dort können Sie nacheinander mit uns schlafen.
IV. Am Ufer. Er versucht, ein halb versunkenes Boot aus
dem Wasser zu ziehen.
SIE
Was tun Sie? Sie versuchen, das Boot herauszuziehen, Sie setzen übermäßig große Hoffnungen auf dieses Boot. Das ist ein femininer Gegenstand. In ihn darf man keinerlei Erwartungen setzen. Leider ist mit unserem schönen Liner auch die illustrierte Enzyklopädie in der Messe versunken. Auf der Grafik mit dem männlichen Organ, Ihrem Organ … Auf dieser Grafik war wunderbar zu sehen, wie das Skrotum dort, wo Ihre Hoden sind … Das Skrotum hängt, es ist stolz herausgekehrt, auch wenn es tief hängt. Weil es Kühle braucht, außerhalb der Wärme Ihres Körpers. Ein Einbruch im Namen des Aufstiegs.
SIE2
Die Härchen auf meinen Beinen wachsen. Auf unseren Beinen. Nutzen Sie die Zeit, bevor wir unappetitlich geworden sind. Dann werden Sie aus reiner Pflicht mit uns schlafen müssen. Im Namen der Evolution.
SIE
Dieses Boot dort entkräftet Sie. Sie schwitzen. Wir könnten zum Beispiel auch exotische Spiele mit Ihnen spielen. Wir könnten uns Palmenblätter umbinden und den Schweiß von Ihrer muskulösen Brust abwischen, Tropfen um Tropfen. Sagen wir mal, mit der Schale einer Kokosnuß. Sie haben die Chance, eine neue Rasse mit blassem Blut zu zeugen. Los, Andersen, kommen Sie heraus. Wir werden Ihnen nicht das Vergnügen bereiten und uns gegenseitig lieben. Verstehen Sie, wir begehren Sie.
V.
SIE
Ich wundere mich, wie leicht es ist, auf Dinge zu verzichten, an die man am meisten gewöhnt ist. Der Schnupftabak ist alle. Ich habe nie geglaubt, daß ich ohne Schnupftabak werde leben können. Ob wir wohl auf dieser Insel irgendwelche betäubenden Pflanzen entdecken werden? Das ist nur eine naive Vorstellung. Das einzige, was ich brauche, ist das Organ zwischen Ihren Beinen. Meine Innereien sind schon ganz erstarrt.
Pause.
SIE
Was geschieht, wenn es uns nicht gelingt, ihn für unsere Sache zu gewinnen?
SIE2
Zumindest haben wir keine Konkurrentinnen. Jetzt findet der Wettkampf zwischen uns und seinem Wunsch, die Insel zu verlassen, statt. Übrigens ein sinnloser Wunsch. Er will fortschwimmen, das Boot herausholen. Morgen wird er vielleicht versuchen, ein Floß zu bauen.
VI. Sie2 hilft der humpelnden Sie beim Gehen.
SIE2
Sie hat sich an einem Dorn gestochen. Es gibt nichts zu sehen. Wir haben ihn bereits herausgezogen.
SIE
Wir haben einen Fehler gemacht. Wir hätten den kleinen Dorn nicht herausziehen dürfen. Dann hätte er vielleicht meine Ferse, mein Bein berührt. Ich bekomme langsam Fieber, das spüre ich. Ich döse ein. Ihr werdet sozusagen keinen Zeugen haben.
VII. Sie2 und Er neben der schlafenden Sie.
SIE2
Haben Sie Angst bekommen? Woran denken Sie - daran, was Sie zu tun haben? Nichts, was Sie tun könnten, hat einen Sinn.
Pause.
Wovor sollte ich mich fürchten? Das ist es, was Sie nicht verstehen können. Als wir in Guadeloupe Halt machten, nicht auf dieser Kreuzfahrt, viel früher … Im Gegensatz zu Ihnen habe ich mein Leben auf Kreuzfahrten verbracht. Dort hat mir eine Hellseherin gesagt, daß ich mit Sicherheit auf einer Seereise, bei einem Seeabenteuer ein Kind empfangen werde. Das, was mit uns geschehen ist, ist mit Sicherheit ein Abenteuer, finden Sie nicht? Was meinen Sie, manche würden uns beneiden. Sie würden zweifellos viele, sehr viele beneiden. Mein Busen ist sehr schön. Wie würden Sie ihn bezeichnen - als schön oder hübsch? Als groß. Wahrscheinlich als warm, wenn Sie ihn berühren würden. Sie weigern sich entschieden. Brechen Sie Ihr Schweigen, sagen Sie wenigstens, ob Sie meinen Busen einfach so, ohne Engagement als schön oder hübsch bezeichnen würden. Wie ein unbeteiligter Zuschauer. In der Messe, wenn Sie auf dem Schaukelstuhl wippen. Ich habe das unangenehme Gefühlt, daß Sie uns mit Ihrem Widerstand, Sie haben uns in dieses Unglück geritten. Zuvor waren Sie ein Mann, den jeder andere Mann beneiden würde. Sollte sie jetzt sterben, wird sich die Lage ändern. Wenn sich die beneidenswerte Lage in eine weniger beneidenswerte verändert, so bedeutet auch die weniger beneidenswerte, daß sie sich in eine völlig unbeneidenswerte verändern kann. Ich habe ein solches unangenehmes Gefühl. Wie ist es möglich, daß sich das angenehme und fast verzweifelte Gefühl, uns stehe einzig eine dreiste und befreite Liebe auf dem Sand bevor, wie konnte dieses Gefühl in eine unangenehme Empfindung umschlagen? Sie spielen Ihr Spiel übrigens gut, so gut, daß, sollten Sie jetzt ein Wort sagen, das so etwas wie eine Explosion wäre, eine körperliche Explosion, meine ich. So eine, die ich auch tief in mir verspüren werde. Vielleicht gefällt Ihnen die ungewöhnliche, abartige Liebe?
VIII. Sie redet wirr im Fieber. Sie2 und Er.
SIE2
Sie sind die Kopie eines abartigen Originals. Ich meine damit, daß das Original einst echt gewesen ist. Sie sind seine verzerrte Kopie. Sehen Sie sich Ihr Organ an. Bedrückt Sie nicht die Tatsache, daß alle mit mehr oder weniger Unterschieden das absolut gleiche Organ besitzen, schlimmer noch, daß auch alle vor Ihnen es besessen haben. Sie haben es in dieser Form als Erbe bekommen und werden es weiter vererben, sollte die männliche Zivilisation überhaupt Nachfahren haben. Ich verstehe, ich verstehe. Sie wollen das Denkmal des letzten Organs sein! Wenn Sie schon nicht der Einzige für alle Zeiten sein können, dann doch wenigstens der Letzte. Ich verstehe. Das Leben ist ein großes Unglück. Sie bemühen sich, finalisierend glücklich zu sein.
Pause.
Haben Sie Lust darauf, daß wir uns der empfängnislosen Liebe hingeben? Tun wir es. Hier, wie man so sagt, jetzt. Sie werden meinem Schoß keine Chance geben. Gefällt es Ihnen, daß ich solche unzumutbaren Dinge sage? Ich bin ganz anders als in der Messe. Niemand tut etwas ziellos. Und das, was Sie nicht tun, verfolgt ebenfalls ein Ziel. Sie empfinden irgendein Vergnügen, nicht wahr? Warum sollten wir uns nicht gegenseitig Vergnügen bereiten, wenn das Ihrem Ziel nicht entgegenwirkt? Die empfängnislose Liebe, die Liebe mit Händen und Lippen. Gut, ich kann nicht garantieren, daß ich nicht versuchen werde, aus diesem Spiel in das tiefere Spiel zu springen, mit dem der Schoß sein spezifisches Ziel anstrebt. Sie sind scharfsinnig genug, das habe ich bereits auf dem Schiff, in der Messe begriffen, aber durch ein argwöhnisches Liebesspiel, in dem Sie mir auflauern und mich kontrollieren, wird es Ihnen trotzdem gelingen, die Dinge bis zu jenem Grat abzuwickeln, auf dem Ihr Ziel verwirklicht wird, ohne jenseits dieses Grates in unser spezifisches Ziel überzugehen. Sie werden durch Ihre eigenen Säfte explodieren, ein junger Mann auf einer einsamen Insel mit zwei Frauen.
ER
Sie treiben Ihr Spiel mit meiner friedlosen Sensibilität. Ich begreife nicht, ob Ihnen das ein größeres Vergnügen bereitet als die Verwirklichung Ihres Ziels. Nur ich kann Ihr Ziel verwirklichen. Ziehen Sie das aus. Hier, diesen Träger. Ja, Ihre Brust ist schön. Ich sage, daß Ihre Brust schön ist, nicht Ihr Busen. Was ich über Ihre beiden Brüste denke, werde ich erst sagen können, wenn Sie auch diesen Träger herablassen. Ja, Ihre beiden Brüste sind schön. Sie verstehen überhaupt nicht, was ich sagen will. Ich kann überhaupt nicht sagen, was ich eigentlich sagen will. Ihre Brüste winden sich in dieser Dämmerung aus sich heraus und saugen sich durch meinen Blick aneinander fest. In der Tiefe unter meinen Augen, unter den Augäpfeln. Verstehen Sie? Genau so. Bilden Sie sich nichts ein - wenn ich so rede, erhalte ich wahrscheinlich die notwendige Stimulierung, damit Ihr Ziel verwirklicht werden kann. Es geschieht bereits. Ich habe das Gefühl, daß ich nicht aufhören kann zu reden. Ich muß aufhören, um die feuchten Knospen Ihrer Brüste mit meinen Lippen umfangen zu können.
Pause.
Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich sterbe, wenn ich bis an Ihren Baunabel gelangt bin. An die Feuchtigkeit in ihm. Ich meine tatsächlich Ihren Bauchnabel und die Feuchtigkeit des Schweißes, von der ich das Gefühl habe, daß ich sie liebe. Wenn Sie irritiert sind, um so besser.
Pause.
Ich liebe Sie.
IX. Sie schläft, erschöpft von dem Fieber.
Sie2 und Er.
SIE2
Diese Nähe zum Tod. Sie sind so resolut geworden. Ich empfinde jedoch keinerlei Lust, außer den Worten. Sie hatten an uns beiden Gefallen gefunden, Bis zum Zweifel. Als sie sich der Gefahr näherte, hat sie Ihnen den Zweifel genommen, denn wenn sie stirbt, wird es Ihren Zweifel nicht mehr geben. Sie könnten nicht fortfahren, an uns beiden Gefallen zu finden. Sie begreifen überhaupt nicht, daß wir dem Tod ganz nahe sind, seitdem das Schiff untergegangen ist. Wir sind ihm schon seit langem nahe. Sie hoffen nur, daß Sie ihm fern sind. Sie sind dazu verurteilt, uns nahe zu sein, weil Sie Ihrem Tod nahe sind, so wie wir. Sie können nicht fern von uns sein. Die Insel ist klein. Jenseits der Insel gibt es nichts anderes. Ich, ich habe es Ihnen ganz bewußt überlassen, daß Sie für Ihr Organ einen so fernen Weg finden, damit Sie in der Nähe eindringen. In unserer Nähe. Kommen Sie jetzt, lieben wir uns noch hoffnungsloser, als Sie sich es vorstellen können, weil Sie sich gar nicht ausmalen können, wie hoffnungslos es ist. Aber ich verzeihe Ihnen. Sie haben immerhin Ihr Organ, Ihren Anker, den Mast, von dem Sie hoffen, daß man daran die rettenden Segel aufspannen wird. Haben Sie den Wind des Todes nicht verspürt? Ihnen gefällt in der Tat die ungewöhnliche, abartige Liebe.
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Das Tagebuch des
Majors
Ich erinnere mich nur, daß die Sonne sehr stark war, aber nicht wie in Nordafrika - sie erdrückte einen nicht von oben mit ihrer Wärme. An solchen Orten verändert das Licht seine Farben, und jede Farbe, des Wassers oder der Pflanzen, sogar die kleinsten bunten Pünktchen - die Vögel oben in den Palmen … - die Farben von allem wirken gleich grell. In der ganzen Zeit, die wir dort verbracht haben, habe ich, glaube ich, kein einziges Mal eine Farbe wie zum Beispiel Chamois, blaß Chamois oder Pastellgelb gesehen. Ich nehme an, das hat irgendeine Bedeutung, so denke ich jetzt. Viele Male zuvor und auch später, als wir aus dem Süden in den Norden zurückkehrten, zu den näherliegenden Teilen Afrikas, ist es vorgekommen, daß ich gesehen habe, wie man es den Hähnen für die rituellen Kämpfe auf einem Markt oder in dem Heiligtum bei einer Oase gestattet, in Ruhe herumzuspazieren. Dann wühlen die Hähne im Sand, sie versuchen nicht einmal, sich von der Binde zu befreien, mit der ihre Augen und Schnäbel verbunden sind. Sie wühlen einfach im Sand, wälzen sich, dann spreizen sie die Flügel und schütteln sich, damit die Sandkörnchen aus ihren Federn herausfallen können. Natürlich hatte ich viel Zeit, darüber nachzudenken, was nach dieser Kreuzfahrt mit uns geschehen war, aber sehr oft vermischen sich in meiner Erinnerung die Dinge, die ich selbst erlebt habe, mit dem Bild jener Hähne, die wühlen und sich wälzen, die ihr ganzes Gefieder mit Sand durchsetzen und dann ihre bunten Flügel schütteln, so als wollten sie krähen. Mich an ein besonderes Klima zu gewöhnen ist stets so etwas wie mein Beruf gewesen, wie eine Bedingung, ohne die ich schon längst gescheitert wäre. So daß die Insel für mich keine Überraschung war. Für sie ja. Ich meine damit, daß, wenn etwas an dem Klima die Dinge verändert oder sie dazu gezwungen hat, daß sich bestimmte Dinge ereignen, das für mich nicht zutrifft. Mir ist es gelungen, zumindest glaubte ich, daß es so aussah, dort als die einzige handelnde Person aufzutreten, die immerhin etwas verändern konnte, ich meine das Boot und so weiter. Anfangs bemühte ich mich, so auszusehen, als sei das ein weiterer, ein normaler Tag. Natürlich kommt das nicht nur von der Kleidung, aber ich bemühte mich, so gut es ging - ich band mir sogar meinen leichten Schal um den Hals, zumindest am Anfang. Damals bedauerte ich, daß der Korkhut irgendwo verschwunden war. Nicht daß die Sonne mich so sehr gestört hätte, von Anfang an war einfach eine Doppelsinnigkeit auf den Plan getreten, sie hatten ihren Grund - schon allein unsere Kleidung, unser Äußeres -, den Fall als einen besonderen anzusehen, und dort hatte eigentlich auch diese seltsame und meiner Meinung nach schmerzliche Idee von der Freiheit begonnen, die sie sich unbedingt herausnehmen wollten.